Die Geschichte vom längsten Fußballschal der Welt

Hier geht es zu neuen Inhalten meiner Webseite

 

 

10. Juli 2005                                        von Elfie Blees

Blauer Himmel, strahlende Sonne, rot-weißer Erdbeereisbecher, bunte Sommertops  - farbig - fröhliche Stimmung. Wir reden von der bevorstehenden Fußball-WM 2006. Was könnte man den zu erwartenden Gästen aus aller Welt vielleicht auch in Unna bieten?

Die Idee war geboren!
Die Idee war geboren!

Mit einem attraktiven Angebot an den fußballfreien Tagen aufwarten und so die sportliche und kulturelle Vielfalt dieser Stadt präsentieren. Aber wie sähe dieses Angebot aus?                           Brainstorming!
Dahinein sagt Ingrid: „ Wir können ja Socken häkeln für die Fußballer“. Mh.Mh?
Socken häkeln nich, aber buntes Garn – Fußball – Fußballschal, ergibt in meinem Kopf: „ Wir stricken den längsten Fußballschal der Welt von Unna in Richtung Westfalenstadion Dortmund. Später wird der Schal verkauft und  für die Jugendarbeit von Sportvereinen unterschiedlicher Sportarten  verwendet. Damit er schön bunt aussieht, sollen die Flaggen der teilnehmenden Länder gestrickt werden".

Kannze nich, schaffse nich!“ , hörte ich jemand sagen. Das beflügelte mich allerdings ungemein, so dass ich mich unverzüglich in den Lerntreff des ZIB begab und an einem der PC's  ein erstes Konzept erstellte. „Unna umgarnt die Welt mit gestricktem Fußballschal und kulturellen Schmankerln“. Das macht keiner, und da wird die Welt im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft auf Unna aufmerksam. In Scharen werden sie in die Stadt am Hellweg strömen, das Paradies finden.

Im Geiste sah ich einen im Winde flatternden bunten Schal wehen, von Unna entlang der B 1 oder des Hellweges – einer alten Handels- und Heerstraße -  nach Dortmund, gehalten von tausenden, sportbegeisterter Menschen, im Westfalen-Stadion in den Händen internationaler Fußballspieler endend. Ich überlegte, wie breit  der Schal werden könnte, 20  cm  ist zu schmal, 30 cm ist zu breit, nehmen wir die goldene Mitte  - also 25 cm breit. Welches Muster? Ganz einfach. Ich gebe gar keine Mustervorgabe, sondern jede/r sollte so stricken, wie es ihr/ihm gefällt. Eins links- eins rechts, Perlmuster, zwei rechts – zwei links versetzt, Patent, Halbpatent, Zopfmuster, Waffelmuster. Der Fantasie wird keine Grenze gesetzt. Kreativität ist gefragt.  WHATEVER YOU WANT.

Welche Länder haben sich eigentlich schon qualifiziert?“Keine Ahnung! Deutschland auf jeden Fall, weil  Ausrichter der Fußball-WM 2006. Schwarz-Rot-Gold kann ohne Ende gestrickt werden. England? Mexiko?“ „Nonnich !“. Also wacker erkundigen, wer schon dabei ist. Die ersten 9 Flaggen können schon gestrickt werden: Argentinien, Brasilien, Deutschland, Iran, Japan, Republik Korea, Saudi-Arabien, Ukraine, USA.  Na, das wird ja spannend. Die meisten zukünftigen Teilnehmer müssen noch spielen und sich qualifizieren.

Was tut man als erstes, wenn man aus dem Traum erwacht? Man sortiert die Gedanken, diskutiert mit Ehemann und Freunden und überlegt, wie man die Kuh auf's Eis kriegt. Wo sammelt und lagert man die Schalstücke? Die grandiose Idee meines Ehemannes, den Schal auf große Kabelrollen zu wickeln, die man bisweilen am Rande einer Straßenbaustelle sieht, erschien uns recht praktisch. Wer hat so etwas und stellt sie evtl. noch kostenlos zur Verfügung? Na, da fragen wir doch gleich einmal freundlich bei den Unnaer Stadtwerken an. Die absolut positive Antwort überraschte uns doch ein wenig:  Nach meiner ersten Rechnung könnte man auf eine 2 m-Durchmesser-Rolle ca. 1 km Schal aufwickeln, das ergibt ja einige dieser hölzernen Ungetüme, wenn der „Schal“ kilometerlang werden soll. Die nehmen irgendwann ordentlich Platz weg. Das Angebot der Stadtwerke, Schal und Rollen dort zu lagern, war natürlich äußerst erfreulich. Die erste Hürde war genommen. Zu Hause genehmigten wir uns daraufhin ein Gläschen Sekt mit dem Gedanken, dies stünde uns „dienstgradmäßig“ zu.

Stadtspiegel vom 20.07.05
Stadtspiegel vom 20.07.05

Als nächstes organisierten wir eine Örtlichkeit, die uns prädestiniert erschien, eine erste Pressekonferenz einzuberufen, um die Bevölkerung über unser Vorhaben in Kenntnis zu setzen.
Das Stadtspiegel-Fußballsofa in Michael und Gabi Reinolds Laden war wie geschaffen dafür. Die Unnaer Journaille war unserer Einladung gefolgt und komplett vertreten. Natürlich war eine anfängliche Skepsis zu spüren, als ich gefragt wurde, wie ich die von mir gedachte kilometerlange Distanz wohl erreichen will. Na, ganz einfach: In Unna leben 69.000 Menschen, davon sind über die Hälfte Frauen, also sagen wir mal 36.000. Darunter sind Babys und Leute die keine Lust haben zu stricken, die ziehen wir ab, bleiben 10.000 Leute, die viele Meter stricken, und fertig ist der Schal. Verhaltenes Grienen.

Die ersten Zeitungsartikel waren  äußerst freundlich formuliert. Ich dachte, jetzt eilen die strickfreudigen Unnaerinnen zum Telefon und arbeiten, was die Nadeln hergeben. Die erste Dame, die sich erkundigte, ob sie wohl auch mitstricken könne, war aus Fröndenberg-Hohenheide, die nächste aus Kamen-Methler. Das kann ja heiter werden. Aber warum nicht. Allmählich wuchs der Gedanke, ein überörtliches Gemeinschaftsprojekt entstehen zu lassen.

Stadtspiegel vom 27.07.05
Stadtspiegel vom 27.07.05

Ein erstes Stricktreffen, das sogenannte  „Strick-In“, im Zentrum für Information und Bildung (ZIB) Unna wurde auf den 23. Juli 2005 festgelegt. Die Stadtwerke Unna, die Sparkasse, Geschäftsleute und Privatpersonen spendeten das erste Geld für Garn, ein Unnaer Handarbeitsgeschäft spendete und räumte einen Sonderpreis ein, so dass die ersten Knäuel verschenkt werden konnten. Ich kaufte erst einmal je ein Knäuel Schwarz - Rot und Gelb (Gold) für eine Deutschland-Flagge. Oh Wunder, so ca. 60 Damen und Herren kamen, um sich zu informieren, um Wolle in Empfang zu nehmen, und einige hatten sogar schon 1 m Schal gestrickt. Für 1 m Schal benötigt man drei Knäuel Garn. Jede/r bekam zunächst zwei Knäuel vom gespendeten Garn geschenkt, das dritte sollte selbst gekauft werden, damit das Garn nicht für andere Zwecke verwendet würde. Später erwies sich dieser Gedanke als völlig unbegründet; denn es ist mehr Garn privat gekauft worden, als durch Spendengelder beschafftes.

Artikel über den Schal las man inzwischen in allen Zeitungen im Ruhrgebiet. Daraufhin riefen täglich so viele Leute an, dass meine Stimme abends etwas rauh klang. Ich gab ihnen jede erdenkliche Information, damit ihre Befürchtung „mache ich das auch richtig?“ ausgeräumt wurde. Man gratulierte mir zu meiner Idee. Das tat gut und spornte an.


Bei der Unnaer Radnacht wurden mein Mann und ich strickenderweise in einer Fahrradrikscha  innerhalb des „Promi-Rennens“ durch die Stadt befördert. Spätabends  traf ich Erik Zabel, den großen Radrennfahrer. Ich erzählte ihm von der Aktion. Er wünschte mir viel Glück und trug sich in mein „Schaltagebuch“ ein.

Erste Pakete und Päckchen erreichten mich. Aus einem förderte ich Schals für Borussia Dortmund, Schalke 04 und Bayern München zutage. Oh. Ich bedankte mich bei der Dame und bedauerte, dafür leider im Moment keine Verwendung zu haben. Der Schal wird ja für die Fußball-Weltmeisterschaft gestrickt. „Ach“, sagte sie, „spielt Borussia da nicht mit?“ Nachdem der Sachverhalt geklärt war, meinte sie, „Na, da stricke ich eben Flaggen“.

Eines Tages erhielt ich eine Anfrage des ZDF, ob ich Zeit hätte für einen Beitrag in der Sendung  „Menschen 2005“ mit Johannes B. Kerner. Das konnte ich nicht glauben. Ich dachte, jemand macht einen Scherz. Aber es war kein Scherz. Am 4. Dezember 2005 traf ich in Mainz neben Kardinal Joachim Meisner natürlich  Herrn Kerner, Sportgrößen wie Franz Beckenbauer und Jürgen Klopp, Tim Mälzer, den lockeren Koch, Michael Mittermaier, Uschi Glas und viele andere. Später erfolgte eine Einladung in die ARD WM-Show mit Jörg Pilawa. Sepp Meier, Günter Netzer, Gerhard Delling, Henry Maske, Horst Licher u. a.  waren interessierte Gesprächspartner.

Hellweger Anzeiger
Hellweger Anzeiger

Viele Zeitungen, Radio- und Fernsehsender aus dem ganzen Bundesgebiet rufen immer wieder an und wollen Live-Interviews. Die am meisten gestellte Frage lautet: „ Wie lang ist der Schal denn jetzt“. „Was?“Länger noch nicht“. „Na, ich bitte Sie. Was wollen Sie kritisieren, wenn ich immerhin bereits mit ein paar hundert Metern aufwarten kann.“ An einem Meter Schal arbeitet man etwa 8 bis 12 Stunden, je nachdem welche „Verzierung“   angebracht wird.  Immer mehr Menschen melden sich und teilen telefonisch oder schriftlich mit, wieviel Freude es ihnen macht, ihre Flaggen zu gestalten. Da werden Sonnen und Sterne, Vögel und Wappen, Yin-Yangs, Streifen und Kreuze aufgestickt, eingestrickt und appliziert.  In Unna's europäischen Partnerstädten Aijka in Ungarn, Palaiseau in Frankreich und Waalwijk in den Niederlanden klappern die Nadeln ebenso  wie  bei unseren deutschen Partnern in Döbeln und Enkirch. Weitere europäische Städte und Orte beteiligen sich.  Radio- und Fernsehsender in der Ukraine, Frankreich, Italien, Niederlande, England, Österreich berichten. So ein hübsch buntes Wollwerk ist natürlich ein absoluter Eyecatcher. Ein Blick auf den „Schal“ an Regentagen und die Welt wird erträglicher. Ein koreanisches Fernsehteam filmt  „the longest Football-Scarf of the world“ in Unna und ruft zum Mitstricken in Korea auf. This Football-Scarf  will be international. Welcome Friends in Unna.

Hellweger Anzeiger vom 26.07.05
Hellweger Anzeiger vom 26.07.05

Zu den jetzt regelmäßig alle 14 Tage im ZIB stattfindenden Strick-In's kommen viele Leute auch von außerhalb  dazu, aus dem Sauerland, Ostwestfalen, Großraum Dortmund  - so 30 bis 40 neue Strickerinnen und Interessierte. Sie erhalten Wolle, geben Schalstücke ab, die gemessen und ins Schalbuch eingetragen werden. Schalstücke werden begutachtet. „Ach, Frau Meier, so machen Sie  Saudi-Arabien.“ „ Aber seh'nse ma, is das nich ein Klasse Portugal.“  „Muss eigentlich Argentinien mit oder ohne Sonne?“ „ Gehn'n die Farben bei Niederlande längs oder quer? Frau Blees, sie wissen das doch“.  „ Kuck ma ehm“, „Wickede bringt schon wieder hundertdreißig Meter“. Eine Dame äußert verschämt, dass sie nur zwei Meter-zwanzig hat. Eine andere sagt, dass sie nur Zeit für einen Meter aufbringen kann. Jeder Meter ist wichtig und jeder legt sich derart ins Zeug, dass man nur staunen kann. Ich erfahre von einem Mann, der immer auf dem Sofa liegt und strickt. Mh, wenn's denn bequem ist. Es entsteht eine gewisse Vertrautheit untereinander. Fremde werden zu Freunden. Treffen sich anschließend zum Schnack bei Pizza und Salat.  Ich bekomme Kontakte, von denen ich nicht zu träumen gewagt hätte. Obschon mit viel Arbeit verbunden, macht uns die Sache Spaß. 
 
Nach einem schalarbeitsreichen Tag sitzen wir wieder einmal in unserem Wintergarten und diskutieren darüber, warum sich immer mehr Menschen an der Aktion beteiligen. „Stricken – bis die Nadel glüht“, heißt es in einer Zeitung oder „Hunderte hängen an der Nadel“. Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 ist ein Ereignis. Die große Schar der Fans lebt schon jetzt in einem wahren Rausch. Es gilt aber, aus dem Ereignis ein Erlebnis werden zu lassen – und nicht nur für die eingeschworenen fußballbegeisterten Bürger einen gangbaren Weg zu bereiten, der zu  indirekter Teilnahme am Erleben führt.  In meinen kühnsten Träumen konnte ich mit einer solchen Beteiligung unterschiedlicher Personen aus dem In- und Ausland nicht rechnen. Die meisten Leute investierten erhebliche Summen und vor allem viel Zeit um „dabei zu sein“.

Was bewegt die Strickerinnen und Stricker zu solchen persönlichen, man kann fast sagen „Opfern“. Sicher ist es das Bewusstsein, für einen guten Zweck gearbeitet zu haben. Der Schal soll ja verkauft werden und der Jugendarbeit von Sportvereinen zugute kommen. Das ist aber nicht das Hauptmotiv.

Unna-Magazin, August 2005
Unna-Magazin, August 2005

Aus vielen Briefen und Telefongesprächen geht hervor, dass den Menschen vor allem daran liegt, durch ihre Arbeit in das Geschehen um die  Fußball-Weltmeisterschaft eingebunden zu sein. Sie beschäftigen sich mit den Ländern, deren Flaggen sie stricken. Was bedeuten die Embleme auf den Flaggen, was die Farben. Bücher werden gewälzt und das Internet bemüht.

Freiraum, wenn nicht sogar bedrückender Leerraum, wird durch diese Handarbeit mit dem entsprechenden Hintergrund ausgefüllt. Diese Gemeinschaftsaktion scheint ein Beweis dafür zu sein, dass die Menschen in einer Zeit der täglichen Reizüberflutung sehr wohl auch für Dinge zu begeistern sind, die nicht nur dem kurzfristigen persönlichen Profit gewidmet sind.

Ich möchte jedem einzelnen, der in irgendeiner Weise am „längsten Fußballschal der Welt", dem Original WM-Schal 2006 aus Unna beteiligt war,  die Hand drücken und  d a n k e  sagen für's stricken, häkeln und sticken, verzieren, zusammennähen, abmessen, spenden, aufrollen, transportieren, lagern, wiegen, verpacken, fotografieren, schreiben, berichten, senden, ausstrahlen, aufmuntern, kritisieren, loben und Hilfe jedweder Art.

 

 

Unna, Ende Mai 2006

Elfie Blees

Counter

Impressum | Datenschutz | Sitemap
© 2010 - 2011 Blees